Vier Ruinen, kein Ticketschalter
Im Umkreis von vierzig Autominuten um Demre liegen vier lykische Stätten ohne Ticketschalter, ohne Beschilderung – und an den meisten Tagen ohne einen einzigen weiteren Besucher.
Myra bekommt die Reisebusgruppen – und das zu Recht: Theater und Felsgräber bilden das besterhaltene Ensemble ihrer Art in ganz Lykien. Doch das Hinterland des Städtchens ist voller weiterer antiker Siedlungen, und vier davon liegen nah genug und sind gut genug erhalten, um einen ganzen Vormittag zu füllen: Kyaneai auf seinem Bergrücken über Yavu, Soura mit seiner Orakelquelle am Rand des Feuchtgebiets, das schmucklos zurückgebliebene Heroon von Trysa über Gölbaşı sowie die Felsgräber von Istlada und Hoyran mit ihrem Blick hinunter auf Kekova.
Keine dieser Stätten ist auf die spektakuläre Art beeindruckend wie Myra. Was sie stattdessen bieten, sind Dimensionen, die Sie ganz allein durchwandern – und in Kyaneai und Istlada Steinmetzarbeiten, die allem am Felshang von Myra ebenbürtig sind, nur ohne dass jemand davor steht.
Dieser Guide zeigt Ihnen, was an jeder Stätte tatsächlich erhalten ist, wie Sie hinkommen, wie viel Zeit Sie einplanen sollten und welches Ziel sich lohnt, wenn Sie nur einen halben Tag Zeit haben. Wie diese Orte im Vergleich zu den großen Städten des Lykischen Bundes — Xanthos, Patara, Olympos — abschneiden, erfahren Sie unter Lykische Städte im Vergleich.
Keine dieser vier Stätten verfügt über ein Ticketbüro, einen Wächter, Toiletten, einen Wasserhahn oder einen markierten Weg. Der Mobilfunkempfang ist bei Kyaneai und Trysa lückenhaft. Sie brauchen ein eigenes Fahrzeug – zu keiner dieser Stätten fährt ein Dolmuş – außerdem festes Schuhwerk, mehr Wasser, als Sie glauben zu benötigen, und eine Offline-Karte. Sagen Sie jemandem, wohin Sie unterwegs sind. Und wagen Sie sich bei Nässe nicht an Kyaneai oder die Akropolis von Soura: Dieser Kalkstein wird dann spiegelglatt.
| Stätte | Ab Demre | Fahrzeit | Fußweg | Zeitbedarf | Lohnt sich für |
|---|---|---|---|---|---|
| Kyaneai | 28 km · Yavu, an der Straße nach Kaş | 40 Min. | 30–40 Min. bergauf | 2–3 Std. | Über 300 Sarkophage entlang eines Bergrückens, ein Theater, völlige Einsamkeit |
| Soura | 6 km · neben dem Feuchtgebiet von Andriake | 15 Min. | 10–20 Min. | 1,5–2 Std. | Die Quelle des Fischorakels und eine erhaltene byzantinische Fassade |
| Trysa | 18 km · oberhalb des Dorfes Gölbaşı | 30 Min. | 20–25 Min. | 1–1,5 Std. | Ein leerer Grabbezirk mit einem berühmten, heute fehlenden Fries |
| Istlada & Hoyran | 20 km · an der Straße nach Üçağız | 35 Min. | 5–15 Min. | 2–3 Std. | Felsgräber im Hausstil und das Panorama über Kekova |
Kyaneai
Kyaneai erstreckt sich entlang eines Bergrückens oberhalb des Dorfes Yavu, 28 km von Demre an der Straße nach Kaş. Es war nie eine große Stadt – eine einzige Stimme im Lykischen Bund – aber sie beherrschte einen langen Grat, und die Menschen, die hier lebten, bestatteten ihre Toten über dessen gesamte Länge. Das Ergebnis ist eine Nekropole, durch die Sie zwanzig Minuten wandern können, ohne ihr Ende zu erreichen: mehr als dreihundert Sarkophage und Felsgräber, fast alle unausgegraben, die meisten noch dort, wo sie einst aufgestellt wurden.
Der griechische Name verweist auf kyanos, dunkelblau – üblicherweise erklärt mit der Farbe des einheimischen Gesteins, wobei es ebenso gut sein kann, dass griechische Ohren hier einen älteren lykischen Namen auf ihre Weise wiedergaben.
Was Sie in Kyaneai sehen
Das Theater ist das eigentliche Prunkstück: rund zwanzig in den Hang geschlagene Sitzreihen, weitgehend erhalten, mit Wacholder und Kermes-Eichen, die zwischen den Rängen emporwachsen, und den gestaffelten Bergketten im Hintergrund. Entlang des Bergkamms finden Sie die Stadtmauern aus mächtigen Quaderblöcken, Zisternen, Hausfundamente und die Reste einer Kirche.
Doch die Gräber sind der eigentliche Grund für den Besuch. Sie ziehen sich über die gesamte Länge des Bergrückens — Sarkophage mit spitzem Deckel auf Sockeln, Kammergräber, die direkt in die Felswand geschlagen wurden, und schlichte Nischengräber zu Hunderten. Viele tragen griechische Inschriften, einige wenige lykische. Nichts ist abgesperrt, und nichts ist beschildert — darin liegt zugleich der Reiz und das Problem: Es liegt ganz allein bei Ihnen, nicht auf den Gräbern herumzuklettern.
Anfahrt nach Kyaneai
Fahren Sie nach Yavu und parken Sie im Dorf. Der Aufstieg beginnt hinter den Häusern und ist nicht ausgeschildert — fragen Sie im Teehaus nach, dort wird man Ihnen den Weg zeigen. Es sind etwa 2 km und 30 bis 40 Minuten stetiger Aufstieg auf einem unbefestigten Pfad, nahezu die gesamte Strecke ohne Schatten.
Der Frühling ist die beste Zeit: Die Gräber liegen dann inmitten von Wildblumen, und der Aufstieg ist gut zu bewältigen. Die Mittagsstunden zwischen Juni und September sollten Sie hingegen ganz vermeiden — eine Übersicht Monat für Monat finden Sie unter die beste Reisezeit für Demre.
Nehmen Sie vom Theater aus den Pfad über den Höhenrücken nach links, anstatt denselben Weg zurückzugehen. Zehn Minuten weiter liegt eine Reihe von Sarkophagen, die die meisten Besucher nie zu sehen bekommen – weil sie am Theater umkehren. Und erst von dort öffnet sich der Blick hinunter über die Ebene von Kasaba richtig. Anderthalb Liter Wasser pro Person sind das Minimum, und tragen Sie einen Hut: Auf diesem Höhenrücken gibt es nirgends Schatten.
Soura
Soura – Sie werden auch die Schreibweise Sura finden, so heißt nämlich das Dorf – ist von den vier Stätten die Demre am nächsten gelegene und mit Abstand die eigenartigste. Es war eigentlich gar keine Stadt, sondern ein Heiligtum: der Sitz eines Apollon-Orakels, bei dem die Zukunft aus dem Verhalten von Fischen gelesen wurde.
Antike Autoren beschreiben das Ritual, und die Beschreibung ist erstaunlich detailliert. Die Priester warfen auf Spieße gestecktes Fleisch in die Quelle neben dem Tempel. Was daraufhin danach schnappte – und auf welche Weise –, war die Antwort: Bestimmte Fische bedeuteten das eine, andere etwas anderes, und ein Fisch, der das Fleisch packte und davonschleppte, verhieß nichts Gutes. Aus ganz Lykien kamen die Menschen hierher, um ihre Fragen zu stellen.
Was von Soura übrig ist
Drei Dinge, an drei Orten – und Sie sollten sie alle sehen.
Unten auf dem flachen Gelände neben dem Schilfsumpf liegen die Fundamente des Apollon-Heiligtums und die Quelle selbst, die den größten Teil des Jahres über noch Wasser führt. Im Frühling ist der Boden ringsum sumpfig, und im Hochsommer reicht das Schilf über Kopfhöhe – deshalb ist dies der Bereich, den die meisten Besucher auslassen.
Den Hang hinauf steht eine verfallene byzantinische Kirche, deren Bogenfassade sich noch deutlich vom Hügel abhebt. Es ist das eindrucksvollste erhaltene Bauwerk an allen vier dieser Stätten – und ein Beleg dafür, dass der Ort noch lange Bedeutung hatte, nachdem das Orakel verstummt war.
Darüber liegt die Akropolis: lykische Felsgräber, die in die Felsvorsprünge geschnitten sind, ein Pfeilergrab mit spitzem Deckel, freistehende Sarkophage – einer davon mit einem in den Deckel gemeißelten Löwen – und beschriftete Stelen, die dort liegen, wo sie einst umstürzten. Von dort oben können Sie dem Feuchtgebiet mit dem Blick bis hinaus zum Meer bei Çayağzı folgen.
Anfahrt nach Soura
Die Abzweigung ist leicht zu übersehen: ein Feldweg auf der rechten Seite, kurz vor dem Dorf Sura, wenn Sie aus Demre kommen. Parken Sie dort, wo sich der Weg verbreitert. Der Aufstieg zur Akropolis ist kurz, aber steil und der Untergrund ist locker.
Soura ist zugleich eine Etappe des Lykischen Wegs durch Demre — etwa anderthalb Stunden auf einem markierten Küstenpfad von Andriake aus und mit Abstand die schönste Art, dorthin zu gelangen.
Kommen Sie am späten Nachmittag. Die Kirchenfassade ist nach Westen ausgerichtet, und etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang fällt das Licht direkt durch den Bogen. Und lassen Sie den kurzen Abstieg zur Quelle nicht aus, nur weil der Boden uneben wirkt — das Orakel ist der eigentliche Grund, warum es diesen Ort überhaupt gibt, und am Becken zu stehen, an dem die Menschen einst mit ihren Fragen kamen, ist ein paar schlammige Schuhe allemal wert.
Trysa
Trysa ist jener Ort, zu dem ich die Leute zuletzt schicke – und erst dann, wenn sie alle anderen gesehen haben. Denn das, was diese Stätte einst so außergewöhnlich machte, steht heute in Wien.
Im 4. Jahrhundert v. Chr. ließ hier jemand Wohlhabendes ein Heroon errichten: eine ummauerte Grabanlage, deren Innenwände mit rund 150 Metern Reliieffries geschmückt waren. Amazonen, Kentauren, die Sieben gegen Theben, Theseus, Bellerophon, der Fall Trojas, eine Jagdszene, ein Gastmahl. Es war eines der reichsten Bildprogramme ganz Lykiens – und es stand auf einer Anhöhe über einem Dorf mit gerade einmal ein paar Hundert Einwohnern.
1881 und 1882 dokumentierte der österreichische Archäologe Otto Benndorf die Anlage, ließ den gesamten Fries heraussägen und nach Wien verschiffen, wo er sich seitdem im Kunsthistorischen Museum befindet. Die Türkei fordert ihn zurück.
Was heute dort zu sehen ist
Die Umfassungsmauern, stellenweise noch fast in ihrer ursprünglichen Höhe. Das Grab selbst. Fundamente, Sarkophage, behauene Steinblöcke, die im Gras liegen – und eine kiefernbewachsene Hügelkuppe mit weitem Blick über die Ebene.
Das ist wirklich alles, und ob sich die Fahrt lohnt, hängt davon ab, ob Sie ein leerer Rahmen berührt. Mich berührt er — man kann in der Umfassung stehen und genau sehen, wo jede einzelne Platte saß, auf Augenhöhe, und gerade das Fehlen ist der springende Punkt. Falls Ihnen das als dürftiger Grund erscheint, zwei Stunden zu investieren: Das ist es auch. Fahren Sie stattdessen nach Kyaneai.
Anreise nach Trysa
Die Stätte liegt oberhalb des Dorfes Gölbaşı, etwa 18 km von Demre entfernt und rund 30 Minuten Fahrtzeit. Lassen Sie das Auto im Dorf stehen und wandern Sie durch den Kiefernwald hinauf – 20 bis 25 Minuten, und deutlich gemütlicher als der Aufstieg nach Kyaneai. Ein GPS-Punkt hilft Ihnen mehr als Wegweiser, denn Wegweiser gibt es hier keine.
Der Trysa-Fries befindet sich seit den 1880er-Jahren im Kunsthistorischen Museum in Wien, und stets war nur ein Teil davon dauerhaft ausgestellt. Wenn Sie nach Trysa fahren, sehen Sie sich die Reliefplatten am besten schon zu Hause an. Ein paar Fotos auf Ihrem Handy verwandeln die leere Umfassungsmauer von einem Steinhaufen in einen Raum, den Sie in Gedanken einrichten können.
Istlada
Istlada liegt an der Straße nach Üçağız und Kekova, etwa 20 km von Demre entfernt, beim Dorf Kapaklı. Es war eine kleine Bauernsiedlung und niemals eine Stadt des Lykischen Bundes – und genau dieser gewöhnliche Maßstab macht den Zwischenstopp so lohnend: So lebten die meisten Lykier tatsächlich, im Gegensatz zu den vier oder fünf Städten, die alle fotografieren.
Erhalten hat sich die Nekropole – und sie ist außerordentlich sehenswert. Hausförmige Gräber sind in den Felsen geschnitten, ihre Fassaden so gemeißelt, dass sie eine Holzkonstruktion nachahmen: vorstehende Balkenköpfe, gerahmte Türöffnungen, die giebelförmigen Deckel – alles in Stein, alles die Nachbildung eines Holzhauses, das seit 2.400 Jahren niemand mehr gesehen hat. Sie liegen am Rand des Dorfes zwischen Olivenbäumen, fünf Minuten zu Fuß vom Parkplatz entfernt.
Hoyran
Hoyran ist der nächste Bergrücken und die beiden werden stets gemeinsam besucht. Auch hier finden Sie eigene Gräber und Sarkophage sowie eine Handvoll alter Dorfhäuser aus Stein, doch der eigentliche Grund für den Aufstieg ist die Aussicht: der gesamte Archipel von Kekova breitet sich unter Ihnen aus — die lange Insel, der Kanal, die Bucht für Bucht, und dahinter das geschützt gelegene Üçağız. Es ist der schönste kostenlose Aussichtspunkt der Region — und meist sind Sie dort ganz allein.
Planen Sie zwei Stunden für beide Stätten ein, wenn Sie die Gräber und die Aussicht sehen möchten – drei Stunden, wenn Sie zwischen ihnen wandern wollen. Der Lykische Weg führt hier entlang, der Pfad zwischen den beiden Bergrücken ist daher markiert.
Anfahrt nach Istlada und Hoyran
Nehmen Sie die D400 in Richtung Kas und biegen Sie nach Ucagiz und Kapakli ab. Die Zufahrtswege sind schmal und teilweise unbefestigt, doch mit einem normalen Pkw sind sie bei angemessenem Tempo gut zu bewältigen. Parken Sie besser im Dorf, anstatt zu versuchen, bis zu den Gräbern hinaufzufahren.
Gut kombinierbar mit einer Bootstour: Üçağız liegt nur fünfzehn Minuten weiter an derselben Straße – morgens die Gräber, nachmittags das Meer, so ergibt sich ein runder Tagesausflug.
Der Aussichtspunkt von Hoyran blickt in etwa nach Süden über die Inseln – mittags wirkt das Licht daher flach und dunstig, am schönsten ist es in den ersten beiden Stunden nach Sonnenaufgang oder in der letzten Stunde vor Sonnenuntergang. Wenn Sie nur eines von beiden schaffen: Istlada lohnt sich wegen des Reliefs, Hoyran wegen der Aussicht – und wenn Sie sich wirklich entscheiden müssen, ist das Relief das Seltenere von beidem.
Welches Ziel sollten Sie wählen?
Wenn Sie nur einen halben Tag haben: Soura. Fünfzehn Minuten vom Ort entfernt, die beste Geschichte der vier – und Sie können den Besuch mit Andriake und dem Strand von Çayağzı verbinden, ohne das Auto zweimal umparken zu müssen.
Wenn Sie jenen Ort suchen, der sich wie eine echte Entdeckung anfühlt: Kyaneai. Die Anfahrt ist die längste und es ist der einzige wirkliche Aufstieg – und genau dieser Ort ist es, über den mir Besucher hinterher schreiben.
Wenn Sie mit jemandem reisen, der sich nicht sonderlich für Ruinen begeistert: Istlada und Hoyran. Die Gräber sind in zwanzig Minuten erkundet, der Blick auf Kekova macht die restliche Überzeugungsarbeit überflüssig – und das Mittagessen in Üçağız ist nicht weit.
Wenn Sie die berühmten Stätten bereits abgehakt haben und nun das Außergewöhnliche suchen: Trysa.
Wenn Sie kleine Kinder dabeihaben: Ehrlich gesagt keine davon. Der Boden ist überall uneben, in Kyaneai und auf der Akropolis von Soura gibt es keinen Schatten, und nichts ist abgesperrt. Die Strände von Demre sind eine deutlich bessere Idee für diesen Tag.
Für alle vier benötigen Sie ein Auto — Mietwagen-Tipps finden Sie unter Anreise nach Demre. Wenn Sie die Route lieber fertig geplant hätten: Route 4 unseres Tagesausflug-Guides verbindet Soura, Kyaneai und Istlada zu einem einzigen Tag, und die interaktive Karte zeigt, wo jeder dieser Orte liegt. Weitere Fotos von allen vieren finden Sie in der Galerie.
